2019/09 German U15 zu DEAL: Wissenschaftliches Publizieren im Zeitalter von Open Access erfordert neue Finanzarchitektur

1. German U15 unterstützt das Verhandlungsprojekt DEAL. Bundesweite Lizenzverträge für das gesamte Portfolio elektronischer Zeitschriften großer Wissenschaftsverlage, die den Zugang zu wissenschaftlicher Literatur nachhaltig verbessern, ohne Wissenschaftseinrichtungen finanziell zusätzlich zu belasten und zugleich die Transparenz der Preisgestaltung verbessern, stellen für die Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftssystems einen wichtigen Schritt dar. German U15 unterstützt die Transformation hin zu einem stärker auf Open Access basierenden Modell, das unterschiedliche Fächer- und Publikationskulturen berücksichtigt.

2. Mit der Open Access-Komponente ist der Wandel von einem subskriptionsbasierten zu einem zunehmend publikationsbasierten Finanzierungsmodell verbunden. Wir sehen mit Sorge, dass dieser Übergang mittelfristig mit erheblichen finanziellen Mehrbelastungen für forschungs- und publikationsstarke Universitäten verbunden sein wird. Diese Sorge ist vor allem darin begründet, dass es neben den Vertragsverhandlungen mit den Verlagen noch keine verbindlichen Vereinbarungen mit Bund und Ländern oder den Fördereinrichtungen gibt, wie die finanziellen Auswirkungen des gewünschten Paradigmenwechsels aufgefangen werden können.

3. Kernelement einer starken Open Access-Publikationskultur sind wissenschaftliche Publikationen mit gesicherter Qualität, die frei zugänglich sind. Deshalb muss die finanzielle Mehrbelastung für die forschungs- und publikationsstarken Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen, die sich aus dem Übergang zu einer Open Access-Publikationskultur ergibt, in Zukunft durch eine Anpassung des Finanzierungssystems für wissenschaftliches Publizieren aufgefangen werden. Dies wird erfolgskritisch für die Transformation zu einer umfassenden Open Access-Publikationskultur sein.

4. Bevor vollständige Umstellungen der Kostenbasis von Subskription auf Publikationen – wie etwa beim Wiley-Vertrag vorgesehen – gelingen können, braucht es zwingend verlässliche und nachhaltige Finanzierungslösungen. Mit Blick auf den bereits abgeschlossenen Wiley-Vertrag heißt dies konkret, dass eine Klärung so früh wie möglich vor Vertragsende („Jahr 4“) erfolgen muss. Gleiches gilt für mögliche Verträge mit Springer Nature (für den es bereits ein Memorandum of Understanding gibt) und Elsevier. Für die Lösung ist aus Sicht von German U15 entscheidend, das Finanzierungssystem für wissenschaftliches Publizieren als Ganzes an die neue Publikationskultur anzupassen. Dazu ist zunächst wesentlich, in den künftigen DEAL-Verhandlungen auf dem Weg von Publish-and-Read-Modellen ("PAR-fees") zu reinen Publikationsgebühren kontinuierlich substanzielle Kostensenkungen zu erreichen.Preissteigerungen dürfen auf keinen Fall akzeptiert werden. Auch Beiträge von Einrichtungen, die wenig publizieren, aber stark rezipieren, unterstützen (etwa über eine Beteiligung an den Reading-Fees) die Bewältigung der Transformationsphase.

Darüber hinaus und vor allem entscheidend sind folgende drei Schritte:

5. Es braucht erstens eine sofort einzurichtende umfassende Publikationsförderung durch Drittmittelgeber, insbesondere die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Wir begrüßen entsprechende Überlegungen ausdrücklich. Für die zukünftige Ausgestaltung der Förderformate ist eine systematische Berücksichtigung der Publikationsförderung zwingend notwendig. Diese Publikationsförderung durch Drittmittelgeber muss (i) zentral an die jeweilige Wissenschaftseinrichtung und nicht an Projekte und deren Verantwortliche vergeben werden, (ii) das Format einer Publikationskostenerstattung anstelle eines wettbewerblichen Antragsverfahrens haben und (iii) im Voraus und nicht erst nachträglich ausbezahlt werden. Sie muss bereits in der Transformationsphase greifen.

6. Zweitens müssen die Budgets für die Finanzierung von Publikationen, die Literaturbeschaffung etc. an den Wissenschaftseinrichtungen zentral gebündelt und, in der Regel durch die Universitätsbibliotheken, organisiert werden. Diese zentral organisierten Publikationsfonds stehen beispielhaft für die institutionellen Veränderungsprozesse, die durch die Transformation des Publikationswesens ausgelöst werden.

7. Es ist davon auszugehen, dass die Publikationsförderung durch Drittmittelgeber, insbesondere DFG, nicht ausreicht, um das Kostendelta zwischen den aktuellen und den möglichen künftigen Kosten zu schließen. Ohnehin wird jede Unterstützung durch die DFG projektförmig und damit befristet sein. Neben der Senkung der Gesamtkosten in den Folgeverträgen braucht es daher drittens eine faire Neujustierung der Finanzierung des wissenschaftlichen Publizierens durch Länder und Bund. Während eine Open Access-Publikationskultur bei einer kleinen Zahl publikationsstarker Einrichtungen zu erheblichen Mehrkosten führt, erfahren eine Vielzahl anderer Einrichtungen signifikante oder sogar vollständige Einsparungen im Bereich der Publikationsversorgungskosten. Insgesamt braucht es die starke und klare politische Mitwirkung von Bund und Ländern für die Modifikation des bestehenden Systems zu einem auch künftig fairen, gerechten und zukunftsgemäßen Finanzierungssystem, das Open Access und Forschungsstärke zusammen denkt.