2. Akteure und Strukturen
Sicherheitsrelevante Forschung wird entweder durch Zuwendungen oder im Rahmen von Auftragsforschung finanziert. Dabei sind insbesondere zu unterscheiden:
Sicherheitsrelevante Forschung mit militärischem Fokus wird in Deutschland überwiegend im Rahmen von Auftragsforschung vergeben. Dies bedeutet, dass Forschungsaufträge direkt von Bedarfsträgern, wie dem Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Verteidigung (BMVg einschließlich seiner nachgeordneten Behörden), oder durch Innovationsagenturen wie der Cyberagentur vergeben werden.
Darüber hinaus kann sicherheitsrelevante Forschung durch Zuwendungen in allen zivilen Förderprogrammen der üblichen nationalen und europäischen Fördergeber adressiert werden (v. a. Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) und EU-Kommission), unter anderem Forschung für die zivile Sicherheit (BMFTR), maritimes Forschungsprogramm (BMWE) und Horizont Europa (EU).
Universitäten nehmen innerhalb und im Umfeld dieser Strukturen bisher insbesondere eine komplementäre Rolle ein. Zum einen bilden sie die Schnittstelle zwischen grundlagenorientierter und anwendungsorientierter Forschung und tragen durch ihre wissenschaftliche Breite (stärker ausgeprägt als bei außeruniversitären Forschungseinrichtungen) und methodische Expertise wesentlich zur Weiterentwicklung der Wissensbasis sicherheitsrelevanter Technologien bei. Zum anderen wirken sich die Forschungsaktivitäten der Universitäten auf den wirtschaftlichen Bereich aus, insbesondere durch Ausgründungen aus dem universitären Umfeld sowie durch die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte im Bereich Sicherheit und Verteidigung.
Nationale Akteure, Netzwerke und Foren
Das Zusammenbringen relevanter Akteure der sicherheits- und verteidigungsrelevanten Forschung findet vor allem über fachspezifische Netzwerke (Konferenzen und Tagungen) statt. Solche Formate bieten die Möglichkeit, wissenschaftliche, industrielle und behördliche Perspektiven zusammenzuführen und gemeinsame Forschungsinteressen zu identifizieren. Zudem gibt es für Universitäten ein hohes Potenzial für Industriekooperationen mit spezialisierten Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.
Knotenpunkte für die verteidigungsrelevante Forschung und Innovation sind auf Bundesebene bspw. die Einrichtungen und Institute des Geschäftsbereiches BMVg. Durchgeführt wird diese zum Beispiel in den Wehrtechnischen Dienststellen der Bundeswehr (WTD 41, WTD 52, WTD 61, WTD 71, WTD 81, WTD 91), im Cyber Innovation Hub oder dem Sanitätsdienst der Bundeswehr etc.
Das BMVg eröffnete im Februar 2026 außerdem das Innovationszentrum der Bundeswehr in Erding (Bayern). Allerdings ist noch unklar, wie Universitäten sich hier konkret einbringen können.
Auf zivile Forschung ausgerichtete Forschung findet im und mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), dem Bundeskriminalamt (BKA), dem Technischen Hilfswerk (THW), dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und in anderen Bundesbehörden mit Sicherheitsbezug statt. Auch auf Länderebene gibt es forschungsaffine Akteure des Sicherheitsbereichs, zum Beispiel in den Landeskriminalämtern (LKA). Ein Kontakt zu öffentlichen, zivilgesellschaftlichen und privaten Anwendern in der zivilen Sicherheitsforschung ist über das BMFTR-geförderte Netzwerk ForAn+ möglich.
In der sicherheits- und verteidigungsrelevanten Forschung bestehen zahlreiche etablierte Netzwerke. Dazu zählen insbesondere die Fraunhofer Institute, die dem Fraunhofer VVS-Verbund (Verteidigung, Vorbeugung, Sicherheit) angehören. Darüber hinaus sind derzeit zahlreiche regionale Clusternetzwerke im Aufbau (z. B. Innovationscampus Sicherheit und Verteidigung Baden-Württemberg, TechHub SVI von Bayern Innovativ, TechHub SVI Nord für maritime Technologien, Defence.NRW für Nordrhein-Westfalen).
Weitere wichtige Foren sind die Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) mit ihren Fachveranstaltungen, insbesondere der Konferenz „Forschung für Sicherheit und Verteidigung“, sowie das Forschungsforum Öffentliche Sicherheit.
Die Cyberagentur finanziert Forschungsprogramme zu Cybersicherheit und damit verwandter Schlüsseltechnologien. In diesem Rahmen veranstaltet sie regelmäßig sogenannte „Partnering Events“, die dem Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlichen Bedarfsträgern dienen und die Anbahnung neuer Kooperationen im Bereich innovativer und sicherheitsrelevanter Technologien unterstützen. Darüber hinaus veröffentlicht sie einen Großteil ihrer laufenden Forschungsprogramme und -projekte auf ihrer Website und bietet damit einen Überblick über aktuelle thematische Schwerpunkte und Förderaktivitäten.
Europäische und internationale Strukturen
Auf europäischer Ebene ist die European Defence Agency (EDA) ein zentraler Akteur, der Fähigkeitsentwicklungen steuert und Forschungsprioritäten setzt. Außerdem veröffentlicht sie technologische Foresightstudien, die ebenfalls dabei behilflich sein können, künftige Forschungsbedarfe zu antizipieren. Zudem ermöglicht die Community for European Research and Innovation for Security (CERIS) einen Austausch unter Forschenden im Bereich der zivilen Sicherheit.
Außerdem sind die Capability Technology Groups (CapTechs) der EDA eine wichtige Vernetzungs- und Informationsplattform, in die Universitäten Fachexpertise einbringen können. In den CapTechs kommen Vertreterinnen und Vertreter der EDA-Mitgliedstaaten sowie Industrie, Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen, um Fähigkeitslücken zu identifizieren. Auf Basis dieser Fähigkeitslücken können dann Forschungsprojekte entweder über das gemeinsame EDA-Budget als EDA-weite Projekte (Kategorie A) oder von mindestens zwei interessierten EDA-Mitgliedstaaten über nationale Budgets (Kategorie B) initiiert werden, wobei Kategorie-B-Projekte deutlich häufiger sind.
Auf europäischer Ebene verfügen insbesondere Horizont Europa und der Europäische Verteidigungsfonds (EVF) über eigene Vernetzungsformate, die durch die Europäische Kommission, Projektträger bzw. Nationale Kontaktstellen unterstützt werden. Für sicherheitsrelevante Forschung sind vor allem die Nationale Kontaktstelle Sicherheitsforschung (NKS Sifo) im Rahmen von Horizont Europa sowie die Nationale Kontaktstelle für den Europäischen Verteidigungsfonds (NKS EVF) einschlägig. Die NKS EVF informiert unter anderem über Ausschreibungen, nationale und europäische Veranstaltungen sowie über Konsortien aus anderen Mitgliedstaaten, die spezifische Partner suchen. Je nach thematischer Ausrichtung können ergänzend weitere Nationale Kontaktstellen, etwa in den Bereichen Digitalisierung, Industrie oder Energie, relevant sein.
Schließlich gibt es die Science and Technology Organization der NATO (NATO STO). Sie ist die zentrale wissenschaftlich-technologische Organisation der NATO, die Forschung und Wissensaustausch im Bündnis koordiniert. Sie bietet die Möglichkeit, Teil ihrer internationalen Forschungscommunity zu werden, und veranstaltet regelmäßig Konferenzen, Workshops und Fachgremien. Darüber hinaus existiert ein Arbeitsprogramm kooperativer Forschungsaktivitäten, das sich mit zentralen sicherheits- und verteidigungsrelevanten Fragestellungen befasst und den Austausch zwischen Wissenschaft, Militär und Industrie fördert.
Allgemeiner Hinweis:
Vertrauen ist im Sicherheitsbereich ein sehr wichtiger Wert. Hier werden persönliche Kontakte hochgeschätzt und dienen der Vertrauensbildung. Es ist daher unabdingbar, sich ein Netzwerk aufzubauen. Zudem muss Vertrauen dafür geschaffen werden, dass Fragen der Forschungssicherheit in der Institution ernst genommen und umgesetzt werden (vgl. auch Geheimschutz unten).
